Tattoo Quattro Stagioni – Die beste Zeit zum Tätowieren

Es ist Sommer. Endlich kannst du die Jacke wieder zu Hause lassen, wenn du nach draußen gehst. Hot Pants: Check, Sonnenbrille: Check, Sonnencreme: Braucht keine Sau, ab geht’s. Die Blumen blühen, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, du lächelst ohne Grund. Ein toller Tag. Du gehst die Straße entlang und stellst dir vor, du würdest tanzen. Während du dich beim Laufen in einem Schaufenster spiegelst, hineinschaust und dich darin anblickst, bemerkst du, dass du ja noch total viel Platz für neue, geile Tattoos hast, jetzt, wo das Wetter wieder zum Haut zeigen einlädt. Nichts wie ab ins Tattoostudio und schnell einen Termin machen, am Besten gleich nächste Woche! Alle sollen sofort dein neues Kunstwerk auf der Haut sehen, wie es in der Sonne strahlt! Scheiß mal auf das eincremen, das ist eh viel zu fettig und mega ätzend, wenn es so heiß draußen ist. Deine Freundinnen, mit denen du eine Woche später nach Kroatien in den Sommerurlaub fliegst, werden Augen machen, wenn ihr euch im Pool über dein neues Tattoo unterhaltet und vor allem über den süßen, jungschen Typen, der es gestochen hat…

Warum gehe ich nicht davon aus, dass ich das Tattoo gestochen habe? In dem Fall dann kein süßer, jungscher Typ, sondern eher ein lustig-chaotisches, langes dürres Mädel…?
Simpel: Jemanden, der eine Woche nach dem Stechen in den Urlaub fliegt und meint, sein frisches Tattoo nicht eincremen zu müssen, tätowiere ich ganz einfach nicht. Und weshalb nicht? Weil ich keinen Bock habe, die gleiche Arbeit nach 8 Wochen nochmal komplett neu auszubessern und nachzustechen, weil so ziemlich alles an Tattoo-Nachpflege vermasselt wurde, was man vermasseln kann. Deshalb. Außerdem beträgt meine derzeitige Wartezeit 8 Monate. „Gleich nächste Woche“ ist also leider aus. 
Sommer ist schön. Sonne, schwitzen wenn man bereits nur atmet, Schwimmbäder, Meerwasser, in den Sommerurlaub fahren…  Für frisch gestochene Tattoos hört sich das in etwa so erregend an wie Nicki Minaj feat. Helene Fischer, wie sie im Remix mit dem Crazy Frog die besten Hits von N’Sync covern. Kurz und im Stile der wunderbaren Comicserie Rick & Morty gesagt: BOO, NOT COOL! DISQUALIFIED!
Wer nach dem Stechen über die Nachpflege aufgeklärt wurde, weiß über Obiges bescheid und hält sich im besten Fall daran. Wer tätowiert ist und davon zum ersten Mal hört, sollte schleunigst den Tätowierer wechseln, und das meine ich ernst…
Es gibt leider genügend Kunden, die die Sache mit der Nachpflege nicht so ernst nehmen, wie die Tätowierer das gern hätten. Wenn sie dann wirklich schon eine Woche später wieder schwimmen gehen oder in den Sommerurlaub ans Meer fahren, Sport treiben und sich mit quasi frischem Tattoo in die Sonne legen. Wird schon nichts passieren, muss man dem Tätowierer ja nicht sagen. Er wird es spätestens bei der Nachkontrolle entdecken, wenn die Farbe an vielen Stellen einfach herausgebrochen ist, es im schlimmsten Fall vernarbt ist oder sich schlimm entzündet hat, weil Keime in die Wunde gelangt sind. Hat jemand die Nachricht mit dem Typen mitbekommen, der ein paar Tage nach dem Tätowieren im Meer baden gegangen ist und an den Bakterien im Wasser, die durch die Tattoo-Wunde in seinen Körper gelangten, gestorben ist? Der dachte sicherlich auch: wird schon nichts passieren. Kann man machen, aber dann ist es halt kacke, wie es so schön heißt. Wir weisen unsere Kunden nicht umsonst darauf hin, für 4-6 Wochen diese ganzen Tätigkeiten eben NICHT zu tun, weil das Tattoo sonst nicht optimal abheilen kann.
In der warmen Zeit des Jahres kommt es auch immer häufiger vor, dass Kunden lieber an den See fahren möchten, anstatt den Tag drinnen im Tattoostudio zu verbringen, und deshalb ohne abzusagen einfach nicht zum Termin erscheinen, trotzdem sie angezahlt haben. Ist auch total toll und kaum nervig für den Tätowierer, der bereits alles vorbereitet hat und die freie Zeit auch anders hätte nutzen können. Nun gut, die Anzahlung gibt es nicht zurück, wenn vorher nicht abgesagt wurde. Geld für’s Nichtstun zu verdienen ist auch okay. Ich stehe nicht drauf, aber es ist okay. Ist schließlich euer Geld, das ihr zum Fenster rausschmeißt.
Wir sehen, Sommer ist tatsächlich nicht die beste Zeit für neue Tattoos; es sei denn, man geht gewissenhaft mit dem Thema um und verzichtet zum Wohl des neuen Körperschmucks den Großteil des Sommers auf Sonne, Strand und Baden gehen.
Na gut, dann eben im Winter? 
Auf jeden Fall sinnvoller als im Sommer. Viele Faktoren, die den Heilungsprozess beeinträchtigen könnten, fallen schlicht und einfach weg: Die Sonne scheint nicht so stark, dass sie Schaden am Tattoo anrichten könnte. Der See, in dem im Sommer gebadet wurde, ist zugefroren oder zumindest zu kalt zum planschen. Man schwitzt auch nicht sofort bei jeder kleinen Tätigkeit. Das passt schonmal. 
Wenn es aber richtig kalt ist, ziehen wir uns nach Zwiebelvorbild gern den halben Kleiderschrank in mehreren Schichten an, damit man draußen nicht friert. Tanktop, Langarmshirt, Pullover, Strickjacke und Mantel oben; Socken, dicke Socken, Thermoleggings, Kniestrümpfe, Hose und festes Schuhwerk unten. Männliche Leser dürfen sich die Thermoleggings und Kniestrümpfe bei ihrer Kleiderwahl gern wegdenken. Ihr habt dafür lange Boxershorts und wärmende Bärte, das gleicht sich aus. 
Stellen wir uns einmal vor, unter diesen vielen Schichten Kleidung verstecken sich ein frisches Tattoo auf den Rippen und ein anderes frisches Tattoo auf dem Fußrücken. Das macht Spaß, wenn die vielen Klamotten dann den ganzen Tag eng am Tattoo herumreiben, vor allem wenn der Schorf soweit ist, dass er sich langsam löst und sich die Schorffetzen ständig im Stoff verkeilen und an der Haut ziepen, bevor sie letztendlich abreißen. Möchte man sich lieber nicht vorstellen, ist auch nicht gut für das neue Tattoo. 
Zudem kommt, dass man im Winter sehr gern trockene Haut bekommt, begünstigt durch die Heizungsluft drinnen und die kalte trockene Luft draußen. Ist nicht bei jedem so, aber es gibt einige, die dieses Problem in den Wintermonaten kennen. Eine vergleichsweise große Wunde wie ein Tattoo braucht in solchen Fällen meist länger zum Abheilen und muss noch sorgfältiger gepflegt werden.
Wenn man den ganzen Tag in dicke Klamotten eingehüllt ist, vergisst man natürlich auch gern das ein oder andere Mal, das frische Tattoo abzuwaschen und einzucremen. Naja, man vergisst es nicht. Man will sich einfach nur nicht 6 Minuten lang ausziehen, das Tattoo abwaschen, abtrocknen, eincremen und sich dann wieder 6 Minuten lang das ganze Zeug anziehen. Und vor allem nicht 3-4 Mal am Tag, viel zu faul. Diese Faulheit und Vernachlässigung wird das Tattoo jedoch heimzahlen. Mit dicker Schorfborke, mit der man wochenlang Probleme haben wird und die einen Großteil der Tattoofarbe wieder herausbröckeln lässt. Und hier auch noch einmal: BOO! NOT COOL!
Und wie viele Leute besuchen im Winter regelmäßig die Sauna, um ihren Körper in Schwung zu bringen und um die Wärme zu genießen? Tja, fällt leider auch weg, wenn man frisch tätowiert wird, undzwar ebenfalls für 4-6 Wochen… 
Nicht zu vergessen und für uns Tätowierer immer wieder amüsant: Die Weihnachtszeit. Sie ist jedes Jahr aufs Neue urplötzlich da und zwingt uns durch passiv manipulierende Weihnachts-Werbespots, Massen an Geld für Geschenke auszugeben, für Freunde und Verwandte, die man eigentlich gar nicht so gern hat, aber die man trotzdem beschenken muss, weil es sonst unhöflich ist. Und zwischen den Feiertagsplanungen fällt einem ein: Ach du scheiße, ich hab gar nicht genug Geld! 
Für ein ursprünglich religiöses Fest, das die Geburt Jesu Christi und die Nächstenliebe feiert, eigentlich kein Problem.
Aber nein. Weihnachten im 21. Jahrhundert, das heißt: Neue Playstation oder du bist nicht mehr meine Mama! Der Konsumzwang wird immer extremer, die Geschenke müssen immer pompöser sein. Und die Kinder von heute rennen fröhlich und schrill kreischend im Einkaufszentrum zu ihrem Helden, dem dicken Typen im Weihnachtsmannkostüm, der wieder wie jedes Jahr bestimmt voll Bock auf diesen stumpfen 4-Wochen-Job hat. Und das, nachdem die Kleinen die daneben aufgebaute hölzerne Deko-Krippenszenerie fast kaputt gemacht haben, die figurativ den eigentlichen Hintergrund darstellt, warum es diese Feiertage überhaupt gibt.  
Und Mama versucht immernoch, verzweifelt an Geld zu kommen.
Aber Moment, sie hat ja 50€ für einen Tattoo-Termin im neuen Jahr angezahlt. Pah! Den sagt sie einfach ab! Dann bekommt sie die Anzahlung wieder und hat mehr als genug Geld für ein Geschenk für die Schwippschwägerin und die verzogene, strunzendumme Nichte, die keiner mag. Chacka! Maurice-Justin, komm, wir geh’n zum Tätowierer Geld hooool’n!
Terminabsagen gibt es immer. Nicht oft aber es kommt vor. Lustigerweise gibt es immer die meisten zwischen der ersten und dritten Dezemberwoche…
Rechtzeitig absagen ist mir jedoch immernoch lieber als am Termintag gar nicht aufzukreuzen. Nur ein kleiner Hinweis, auch bitte gern zum vermerken: Wir sind keine Bank!!
Trotz aller Kälte, Zwiebeln und Geldproblemen: der Winter ist im Großen und Ganzen immernoch besser als der Sommer, um sich tätowieren zu lassen.
Bleiben noch Frühling und Herbst, wo es zu kalt für den Strand und zu warm für dicke Klamotten ist. Klingt perfekt, da gibt es nicht viel zu erklären.
Tatsächlich finde ich das Frühjahr um März, April und Mai sowie den Herbst von September bis November am angenehmsten, um sich ein neues Tattoo zuzulegen. Wie schon erwähnt ist es in dieser Zeit in der Regel nicht zu kalt, nicht zu warm, man geht nicht wirklich im See baden, muss sich aber auch nicht mehr wirklich dick anziehen. Es ist sowieso meistens nicht warm genug, um sich in den Park zu lümmeln, zu grillen und sich zu betrinken, also kann man den Tattoo-Termin auch ruhig wahrnehmen. 
Hätten wir das geklärt. 

Natürlich ist das nur meine Erfahrung; ihr könnt euch tätowieren lassen, wann ihr wollt. Ihr müsst einzig und allein unabhängig von der Jahreszeit konsequent mit der Nachpflege sein, auch wenn das manchmal heißt, dass für eine gewisse Zeit auf dies und jenes verzichtet werden muss. Natürlich dürft ihr mit einem frischen Tattoo auch im Frühling und im Herbst nicht schwimmen gehen, nicht übermäßig schwitzen, nicht in die Sonne und nicht in die Sauna, das ist klar. Im Winter könnt ihr euch auch gern die Fußrücken tätowieren lassen, solang ihr es schafft, nicht während der ersten Wochen danach jeweils 10 Stunden am Tag dicke, enge Stiefel zu tragen, die das Tattoo schlecht abheilen lassen. Genauso kann ein im Frühling gestochenes Tattoo nach der Heilphase kacke aussehen, wenn man es ein einziges Mal eincremt und dann nie wieder. 

Denkt einfach daran, dass ihr eure Tattoos mit ins Grab tragen werdet und bis ans Ende damit leben werdet. Es ist eure Entscheidung, ob ihr diese Kunstwerke auf eurer Haut gewissenhaft behandeln wollt oder später lieber bereuen möchtet, dass ihr es nicht getan habt. 

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