Meine vielen ersten Male | Teil 1

Das optimale Alter

Heute ist ihr großer Tag, heute ist es soweit. Sie freut sich, aber ich merke, dass sie nervös ist. Ein Zittern in ihrer Stimme, das versucht wird, zu unterdrücken und ein bisschen neben der Spur, wie es eben so ist, wenn man unsicher darüber ist, was gleich mit einem passieren wird. Ich versuche ihr die Aufregung zu nehmen; ich weiß ja selbst, wie ich mich gefühlt habe, als es bei mir soweit war.

„Ist es dein erstes Mal?“
„Ja… tut es denn dolle weh?“
„Keine Angst, ich bin ganz vorsichtig mit meinem Gerät, entspann‘ dich einfach, lehn dich zurück und verkrampfe nicht.“
„Okay, ich versuch’s.“
„Ich fange jetzt an, ja?“
„Ja…“
„Ganz ruhig, du willst es doch…“

Hört sich an wie der Anfang eines richtig schlechten Amateurpornos, beschreibt aber doch recht treffend den typischen Dialog, den ich mit meinen Kunden führe, die ihr erstes Tattoo bei mir gestochen bekommen, nur etwas weniger gespielt erotisch.
Irgendwann ist immer das erste Mal, so auch beim tätowieren.
Was ist besser? Gleich mit 18 starten oder lieber noch eine Weile drüber nachdenken? Sofort mit einem ganzen Rückenbild beginnen oder erstmal mit etwas Kleinem zum Testen anfangen?
Wenn der Entschluss gefasst wird, sich sein erstes Tattoo stechen zu lassen, schießen einem viele Fragen durch den Kopf, die danach schreien, beantwortet zu werden.
Dieses Thema „Erstes Tattoo“, breit gefächert wie es ist, könnte man gut und gern stundenlang diskutieren, eine Netflix-Serienstaffel damit füllen oder ein Fachbuch darüber schreiben. Mache ich jetzt erstmal nicht, dafür habe ich das Thema aber in drei elementare Schwerpunkte eingeteilt, auf die ich gern näher eingehen möchte und schildere meine eigenen Meinungen und Erfahrungen dazu in drei einzelnen Blogposts, Teil 1, Teil 2 und Teil 3; sonst wird es wirklich noch ein Buch. 

Beginnen wir mit dem ersten Teil, dem Aspekt des Alters. In der Regel bekommt man in einem seriösen Tattoostudio kein Tattoo, solang man nicht mindestens 18 Jahre alt ist. Das ist auch gut so. Uns wäre es bei manchen Kunden sogar lieber, wenn diese Regel auf 21 Jahre hochgestuft wird. Warum, erkläre ich liebend gern anhand eines fiktiven Charakters. Sie ist seit zwei Tagen 18, sie ist cool und sie will JETZT ein Tattoo haben. Nennen wir sie spontan einfach Mathilda. Eine Mathilda hatte ich soweit ich mich erinnern kann noch nie als Kundin, genauso wenig als Freundin oder Bekannte, so ist sie komplett meiner Vorstellungskraft entsprungen und ich lasse mich nicht passiv durch Personen beeinflussen, die ich kenne, die so heißen. Mathilda jedenfalls denkt über ein Tattoo nach, seitdem sie 15 Jahre alt ist. Ihre Lieblingssängerin Miley Cyrus hat ebenfalls schon ziemlich viele Tattoos, und noch viel wichtiger: Zwei ihrer allerbesten Freundinnen-for-ever aus der Klasse sind seit einer Weile 18 und haben auch schon eins, OMG! 
Sie wünscht sich daher nichts lieber als ein Tattoo. Egal was, hauptsache, sie kann mitreden, wenn in der Runde über dieses Thema gesprochen wird. Gemeinsam schauen sie nach „small and cute tattoo ideas“ auf Pinterest und finden eine Vielzahl an süßen, kleinen Anfängertattoos für Handgelenke, Knöchel und Nacken. Federn fand sie schon immer toll. Am besten eine, aus der Vögel ins Freie fliegen, denn wenn jemand grenzenlose Freiheit liebt, dann sie. Freiheit lieben, mit 18, wenn man noch zur Schule geht und noch nie wirklich dem Ernst des Lebens ins Auge geblickt hat… Wir lassen das einfach mal so stehen und ich gebe hiermit Stoff zum eigenen philosophieren.
Eine Feder soll es nun also sein. Oder doch nur Vögel? Vielleicht ein kleiner, total bedeutsamer Spruch dadrunter… wie „live free“? Vielleicht doch lieber was ganz anderes… keine Ahnung. Lass einfach mal alle zum Tätowierer gehen, der wird schon was für uns finden.
Gesagt, getan. Mathilda und 8 ihrer Freundinnen kommen jauchzend und kichernd ins Studio, ein wandernder Hühnerstall auf von Mama gesponsten Tommy Hilfiger Sneakern, so mag ich das. Husch, husch, ab mit euch, alle nach Hause, aber schnell!! Mädels, die bereits unsicher über ihre Motividee sind und sich dann noch mehr als genügend Freundinnen mitnehmen, die ihnen ins Gewissen reinreden: geht gar nicht, niemals nachmachen!
„Also ich find das Motiv schöner!“
„Nee, nimm lieber das!“
„Alter, das ist mal voll mega!“
„Sowas hat meine Cousine auch, lass dir das auch machen!“
„Hahahrhrhihiha guckt mal alle her, ich mach grad ein Video für Snapchat, hahahahahmhmhm!“
SCHLUSS! RAUS! ALLE RAUS! Wer will das Tattoo denn haben, IHR oder sie?! Und glaubt ihr im ernst, dass ihr nach der Schule immernoch alle beste Freundinnen seid? For ever and longer? Und auf fucking Snapchat?! Arschlecken! Die Stephi-Pessimismus-Attacke trifft wie immer sehr effektiv gegen zu viel gute Laune und rosa Brillen. Alle heulen. Gut, dass die Story erfunden ist.
Freunde gehen, Tattoos bleiben, so ist das. Wer etwas haben will, was für immer bleibt, sollte sich nicht von jemandem beeinflussen lassen, der mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später gehen wird. 
Also kommt Mathilda später nochmal ohne gackernden Anhang wieder und wir besprechen zusammen, was ihr als erstes Tattoo gefallen könnte und was nicht. Ich merke, dass sie sich immernoch nicht wirklich sicher ist, was es für ein Motiv werden soll und beschließe, erstmal keinen Tattootermin mit ihr auszumachen und sie vorerst nicht zu tätowieren. Warum, erkläre ich ihr ebenfalls ausführlich. Mathilda ist erstaunlich freundlich und verständnisvoll, wenn sie sich nicht vor ihren Freundinnen beweisen muss, bedankt sich für meine Ehrlichkeit und geht. Sie will aber wiederkommen, wenn sie sich ganz sicher ist. Das freut mich und das kann sie auch gern tun.

Ich denke, viele junge Leute wollen einfach nur mal testen, wie sich tätowieren anfühlt, ob es wirklich wehtut und so weiter. Dass sie diesen ‚Test‘ dann aber ewig und immer mit sich herumtragen, fällt ihnen meist erst auf, wenn die Tat bereits vollbracht und damit irreversibel ist. Tja, kacke.
Viele meiner Kunden sind gerade mal 20, jünger als ich und bereits tätowierter als ich. Eigentlich müsste ich auch längst bis zum Hals voll sein, ich bin ja schließlich an der Quelle. Wer mich kennt, der weiß, dass es nicht so ist. Auch ich wollte mit 15 viele Tattoos haben und hatte auch vor, sie mir mit frisch 18 stechen zu lassen. Heute würde ich fast alle dieser Tattoos bitter bereuen und ich bin froh, dass ich damals einfach nicht genug Geld dafür hatte, mich nicht getraut habe und sowieso keine guten Tätowierer in meinem Umfeld kannte. 
Mittlerweile hätte ich sonst selbst sicherlich schon sehr, sehr viele Tattoos, hätte ich die Möglichkeiten gehabt. Dann wäre ich zum erstbesten Tätowierer gegangen, hätte mich über die Preise aufgeregt und hätte mich zuhacken lassen, mit unüberlegten Motiven, die ich zu der Zeit gerade schön fand. Ich wäre genau die Art Kundin gewesen, die ich heutzutage nicht leiden kann. Eigentlich schon witzig. 
Ich hätte jedoch in der Zwischenzeit andere Motivideen und würde nach dem richtigen Platz auf meinem Körper dafür suchen und mich ärgern, dass die „guten“ Stellen alle schon mit irgendwelchem Stuss zu sind. 
Ist immer so. 
Kunden zwischen 20-25 sehen eine coole Zeichnung oder ein tolles Motiv, schauen an ihrem Körper hinunter und seufzen:
„Ach, das find ich ja sowas von schön, das würde so gut zu mir passen, aber ich hab ja gar keinen Platz mehr! Manno!“
Ärgerlich! 
Deshalb lasse ich mir so viel Zeit mit meinen Tattoos. Weil ich irgendwann einfach keinen Platz mehr habe und nicht schon mit Mitte Zwanzig hauttechnisch ‚vollendet‘ sein möchte.  

Viele junge Menschen wissen nicht, was sie nach der Schule machen wollen, studieren dann irgendeinen Mist und bemerken nach zwei Jahren, dass sie gar keinen Spaß an dem Bereich haben und machen etwas Anderes. Sollen sie auch. Ich finde es sehr gut, dass wir in einem Land leben, in dem wir diese vielen Möglichkeiten haben, das ist nicht überall selbstverständlich. Bei Tattoos ist es manchmal wirklich genau das Gleiche; nur mit dem „etwas Anderes machen“ wird es dann schwer. 
Früher, als entschieden wurde, die ‚Erwachsenengrenze‘ auf 18 Jahre zu setzen, waren die jungen Menschen sicherlich reifer als heute. Reifer, was Verantwortung angeht. Reifer, was es bedeutet, sich über Konsequenzen bewusst zu sein. Reifer, was Pläne angeht, die man sich fürs Leben macht, um etwas zu erreichen. Heute können wir machen und sein, was wir wollen. Es ist egal. Wir leben im Jetzt, wie es so schön heißt. Wir konzentrieren uns in der heutigen Zeit auf alles… außer auf unsere Zukunft und die unserer Nachfahren. Wir bekommen täglich die aktuelle Speisekarte der gesamten Welt auf unsere Smartphones serviert und sind erst satt, wenn wir den kostenlosen Nachtisch vorgesetzt bekommen, den Burnout. Wir interessieren uns brennend für Sachen, die wir gestern noch gar nicht kannten, rasten aus, wenn der Partner 30 Minuten braucht, um bei Whatsapp zu antworten und wissen nicht, was wir mit unserem Leben anfangen sollen, wenn das Internet mal nicht funktioniert. 
Uns sind heute Sachen essentiell wichtig, die gab es vor 20 Jahren noch nicht einmal. Die waren nicht da. Kaum vorstellbar, in einer Welt, in der es mittlerweile so gut wie alles gibt. 
Bei Dingen, die man so schnell nicht los wird, ist es in der heutigen Zeit wirklich nicht schlecht, noch ein paar Jahre zu warten, reifer zu werden, erwachsener zu werden und dann zu schauen, ob man es noch haben will. Ich kann wie gesagt nur von mir reden, dass es heute gesehen sehr gut für mich war, dass es damals nicht geklappt hat. 

Es ist auch schon oft passiert, dass junge Kunden einen Tattootermin gemacht haben und ihn dann während der Wartezeit wieder abgesagt haben, weil sie sich doch noch nicht sicher sind und lieber noch warten wollen. Oder weil die ach so dicke Freundschaft ja doch bereits vor dem Termin fürs Freundschaftstattoo in die Brüche gegangen ist. Genau aus diesem Grund gibt es bei uns ausschließlich feste Termine für Tattoos, und auf die muss man so gut wie immer mehrere Monate warten. Heißt: Mehrere Monate zusätzliche Bedenkzeit. Wäre das nicht so, hätten jetzt wieder ein paar mehr Menschen ein Tattoo, das sie nicht mehr haben wollen, weil sie es sich nicht lang genug überlegt haben.  Und damit kommen wir zu DER Frage, die wir dann zwei Jahre danach gestellt bekommen:
Kann man da was drüber machen?
Kannst du dir vorher überlegen, was du für ein Tattoo haben willst? Bitte? Danke. 
Und 20-24-Jährige erzählen mir etwas von ihrer „Jugendsünde“, was so paradox klingt wie ein veganes Schweineschnitzel. 
Ich habe Kunden, die sind teilweise weit in den Dreißigern oder sogar darüber und lassen sich ihr erstes Tattoo bei mir stechen. Nicht ihr 17tes, ihr erstes. Nicht, weil sie vorher nie etwas davon gehört haben. Auch nicht, weil sie sich vorher nicht getraut haben. Einfach, weil sie jetzt erst genau wissen, was sie haben wollen. Finde ich super. Bei dieser Kategorie Kunde kann man sich in 99.9% der Fälle absolut sicher sein, dass sie vollstes Vertrauen haben, ihr Tattoo mit Stolz tragen und es auch sicher nicht bereuen werden. 

Es ist überhaupt nicht schlimm, lange bei etwas zu überlegen und zu warten, bis die richtige Zeit gekommen ist. Es ist einzig und allein der Drang von außen, alles immer sofort haben zu müssen und nicht mehr warten zu können, weil die Welt, in der man lebt, auch nicht wartet und man deshalb immer ungeduldiger mit allem wird. Schrecklich, absolut schrecklich. 
Ich bin gespannt, in was für einer Welt wohl meine Kinder in 10 Jahren aufwachsen werden. 

Letztendlich ist das hier nur meine Meinung und meine Erfahrung. Ich kann niemandem verbieten, sich frisch mit 18 Jahren tätowieren zu lassen. Jeder muss selbst wissen, wie er sein Leben gestalten will, was er machen will und was er später lieber doch nicht gemacht hätte. Vor Fehlern im Voraus zu schützen ist eine Sache, jedoch gehören Fehler auch immer zum Lebenslauf dazu; und ob daraus gelernt wird oder nicht, ist ebenfalls jedem selbst überlassen.

5 Kommentare zu „Meine vielen ersten Male | Teil 1

  1. Super geschrieben, und in einigen Sachen hab ich mich echt wieder erkannt.
    18…volljährig.. juchuuu endlich ein tattoo.
    Aber was? Ich wollte etwas was mich vom Sockel haut. Aber egal was mir durch den Kopf ging, es war nicht das richtige.

    Mein erstes Tattoo hab ich mir mir 33 stechen lassen.
    Mit 30 hatte ich 2 Herzinfarkte und dieses einschneide Erlebnis wollte ich verewigt haben.
    Ich habe nach langen suchen ein studio gefunden, wo ich mich direkt wohl gefühlt habe.
    ich habe Bruchstücke meiner Idee mitgenommen und eine superliebe Mitarbeiterin hat eine Vorlage gezaubert die mir Herzrasen gemacht hat.
    Genau DAS war MEIN Tattoo.
    Es wird bei mir bei meinem „Ersten Mal“ bleiben, denn ich trage im wahrsten Sinne des Wortes mein Herzenstattoo auf der Haut. Es wird nie wieder eins geben das mir soviel bedeuten wird… auch wenn ich heute viele Ideen für was neues im Kopf habe. 😀

    Gefällt 2 Personen

    1. vielen dank für die lieben worte! dein tattoo hat eine riesen bedeutung für dich und wie ich rauslese bist du auch sehr zufrieden damit, deshalb wirst du es auch nie bereuen. 2 herzinfarkte, das ist schon heftig. ich denke sowas kann man mit tattoos sehr gut verarbeiten. alles gute für dich ❤️

      Gefällt mir

  2. Mega Artikel, ich hab ihn verschlungen! 😉
    Ich hab mein erstes Tattoo vor ein paar Monaten, mit fast 19 gemacht – sehr früh also, aber es hat sich einfach richtig angefühlt. Ich will schon seit Jahren einen Schriftzug haben, „Chasing Rainbows“, und es steht fest, dass ich ihn irgendwann verewigen werde. Aber es eilt nicht. Warum auch? Ich hab ja noch mein ganzes Leben und so kann ich mir zumindest Zeit lassen, bis ich mir sicher bin an welcher Stelle es sein soll.
    Das erste ist während meiner Reise durch Asien entstanden – sehr spontan, aber es wird mich immer an diese Reise erinnern & ist auch sehr neutral, deshalb denke ich nicht dass ich es jemals bereuen werde…
    Liebe Grüße,
    Emily 🙂

    Gefällt 1 Person

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