Meine vielen ersten Male | Teil 2

Motiv vs. Schmerz

Klein oder groß? Lang oder breit? Kommt es am Ende nicht auf den Körper drauf an, der dran steckt? Egal, ob es weh tut, ich will es jetzt! Am besten gleich drei auf einmal!
Worum geht es hier eigentlich? Um Tattoos natürlich, was bitte dachtet ihr? Dieses Mal geht’s um das beste Motiv und die optimalste Körperstelle dafür, und wie gewohnt liegt vor uns ein Meer von Fragen. 
Wer soll das erste Tattoo stechen? Wie groß? Was überhaupt? Wieso, weshalb, warum?

Mir begegnen immer wieder die zwei typischen Arten von ‚Erstlingen‘. Die einen, die wissen wollen, wo es am wenigsten weh tut und sich dann danach richten, und die anderen, die sich im Klaren darüber sind, dass es, egal an welcher Stelle, wahrscheinlich nicht gerade ein weichgespülter Zuckerwattespaß werden wird und denen das aber auch relativ wurst ist.
Es gibt natürlich nicht wirklich Richtlinien, mit welchem Motiv man sich am besten tintenmäßig entjungfern lassen sollte. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Besprechen wir diese etwas.

Viele beginnen mit kleinen Motiven. Symbole, Namen, Wörter… Um zu testen, wie weh es tut. Um zu gucken, ob das was für einen ist. Um dazuzugehören, zum Club der Rockstars und kriminellen, harten Säue.
Kann jeder machen, wie er will. Bei Hautkrankheiten, Allergien oder Ähnlichem ist es auch wirklich ganz vorteilhaft, erstmal ‚zu testen‘. Im dritten Teil schreibe ich ein bisschen über diverse Krankheiten, Medikamente und was man im Hinblick auf Tattoos dabei beachten sollte; ein paar Fetzen habe ich mir doch noch aus meiner Apothekenzeit gemerkt. 
Jedenfalls kann ich bestätigen, dass das sich tätowieren lassen früher oder später bei der Mehrheit der Leute zu einer Art Sucht wird, auch wenn es immer wieder unangenehm ist. Mit großer Sicherheit wird es also nicht beim ersten und einzigen Tattoo bleiben. Irgendwann kommt noch eins, und noch eins, dann werden ein paar Lücken geschlossen und zack ist der Arm voll. 
Viele kleine Tattoos können schön aussehen. Wenn es aber mehr und mehr werden, sieht der Körper einem Stickeralbum immer ähnlicher. Manche mögen das, das dürfen sie auch. Manche wollen später allerdings größere Projekte wagen, wo die kleinen Tattoos dann meistens im Weg sind oder zumindest bei der Planung ein Hindernis darstellen. Bestes Beispiel: Der Rücken. Unsere größte verfügbare Leinwand am Körper. Kunde X möchte den ganzen Rücken. Voll. Ein super Konzept, man will sich sofort an den Entwurf setzen, nur leider hat Kunde X bereits ein kleines 10 Jahre altes Tattoo auf dem Schulterblatt, genau da, wo nun eigentlich was ganz anderes hin soll. Was macht man? Das alte Tattoo auffrischen und mit einbauen? Passt das überhaupt ins neue Motiv? Oder covern, und wenn, womit? Maaaaaann… 
Diesen Aspekt sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Machen wir weiter mit dem Schmerzfaktor, wichtig zu wissen für das erste Tattoo. Danach richtet sich oft, wie groß das Motiv wird und wo es hin kommt.
Der Schmerz, den das Tätowieren auslöst, ist nicht wirklich zu beschreiben. Ein zwiebeln, ein kitzeln, eklig, alter Falter, geht eigentlich, ich merk gar nichts, alles schon gehört. Ich selbst bin absolut wehleidig, halte nie länger als drei Stunden aus und finde es immer absolut doof, selbst tätowiert zu werden. Ja, ich, die Tätowiererin höchstpersönlich, gilt das eigenlich als “unprofessionell‘? Wenn ja: Sorry, not sorry. Gleichzeitig will ich aber trotzdem neue Sachen auf meiner Haut haben oder zumindest meine vorhandenen Baustellen irgendwann fertig bekommen und quäle mich dann immer kläglich irgendwie durch, bis ich nicht mehr kann. Deswegen macht es mir auch nichts aus, wenn meine Kunden nach ein paar Stunden abbrechen müssen, wenn der Schmerz zu unerträglich wird. Ich verstehe das und das ist vollkommen okay. Jeder empfindet anders. Manche schlafen während der Sitzung ein. Andere kippen um, obwohl man noch gar nicht angefangen hat. So ist jeder Tag anders, es wird nie langweilig, das ist das Tolle am Job.

Da wir viele verschiedene Körperstellen haben, die alle unterschiedlich auf Schmerz reagieren und über die man laaaange reden kann, habe ich mir zur Veranschaulichung ein höchst attraktives und sehr engagiertes menschliches Beispielpärchen aus dem Ärmel gezeichnet, das uns bildlich die verschiedenen tätowierbaren Stellen unseres Körpers und deren allgemeine Schmerzlevel in sechs Kategorien verdeutlicht, so wie ich es bisher bei meinen Kunden erfahren und verglichen habe. 

GRÜN: Kinkerlitzchen. 
GELBGRÜN: Ist auszuhalten. 
GELB: Geht noch klar, ist nach zwei drei Stunden aber schon oll.
ORANGE: Grenzwertig. Nimm dir etwas zum Draufbeißen mit, du wirst es eventuell brauchen. 
ROT: Pack zusätzlich noch ein paar Windeln ein. Vielleicht wirst du abbrechen müssen, das nimmt dir aber keiner übel, denn diese Stellen sind wirklich unfassbar scheiße.
SCHWARZ: Keine Ahnung. Lass dich dort bitte ganz einfach nicht stechen. Kein Tätowierer möchte fremde Genitalien in Gesichtsnähe haben. 

Im Allgemeinen kann man sich schon so ungefähr nach dieser Skala richten, unter dem Vorbehalt, dass jeder Mensch und somit auch jede Haut unterschiedlich ist. Da, wo Knochen drunter ist oder wo die Haut generell empfindlicher und dünner ist, tut es auch meistens mehr weh als an Stellen, die durch Muskeln und Fettgewebe ‚gepolstert‘ sind bzw. an denen die Haut von Natur aus dicker ist. Jedoch nicht falsch verstehen: Übergewichtige Menschen empfinden meistens genauso viel Schmerz beim Tätowieren wie Untergewichtige. Ob es dolle wehtut oder nicht, muss wohl oder übel ausprobiert und durchgestanden werden. Da helfen Richtlinien nur mäßig. 

Kommen wir damit auch zur anderen Seite: Kunden, die sofort mit etwas Großem beginnen.  Dieses Mal möchte Kunde Y den ganzen Rücken voll haben. Wieder ein super Konzept, man bespricht alles und ich frage, wie bei jedem neuen Kunden: 
„Du hast ja schon Tattoos, oder?“
„Nö, ist mein erstes!“
Waaaaas? Und dann gleich so ein Riesenklopper? Wow!
Eigentlich finde ich diese Herangehensweise schon cool und mutig, es kommt nur sehr selten vor.
Wir wissen ja, dass tätowieren schmerzhaft ist, mal mehr und mal weniger. Daran lässt sich nicht rütteln. Am Ende tut es aber immer nur ‚einmal‘ weh, danach hat man es überstanden und kann sein Leben lang stolz drauf sein. 
„Hilft ja nichts, da muss ich durch, ich will es ja haben!“
Absolut richtig. Beruht schließlich alles auf Freiwilligkeit. 
Es ist ja auch nicht so, dass man das ganze Rückenbild in einer unendlich langen Sitzung durchrockt; so große Projekte benötigen neben viel Geld auch viel Zeit, ein halbes bis ein ganzes Jahr Bauphase ist da total normal, wenn im Abstand von vier Wochen daran weitergearbeitet wird, bis es irgendwann fertig ist. 
Ich denke, neben der Tatsache, dass ihnen große Sachen schlichtweg erstmal zu teuer sind, trauen sich Kunden oft auch einfach nicht, gleich etwas Großes zu wagen, weil die Angst besteht, dass sie es nicht so lange aushalten und das Tattoo dann ewig nicht fertig wird.  Diese Angst ist auf jeden Fall berechtigt. Wie man da am Besten vorangeht, muss mit dem Tätowierer besprochen werden. Es gibt solche und solche. Manche wollen wirklich ihre 6-8 Stunden durcharbeiten und sind maulig, wenn der Kunde abbrechen muss, anderen macht das nichts aus. Ich weiß, wie weh es tut und wenn ich selbst nicht lang aushalte, kann ich das wohl kaum von allen meinen Kunden erwarten. Dann macht man von vornherein gleich ein paar mehr Sitzungen aus und arbeitet so lange, wie es eben geht. Gut Ding will Weile haben, ganz einfach. Es bringt mir nichts, wenn sich der Kunde stundenlang durchquält, anfängt zu zappeln und zu verkrampfen. Dann darf ich doppelt und dreifach nacharbeiten und muss die Zappelfehler korrigieren, was im Endeffekt wieder unnötige Zeit und Schmerzen verschlingt und somit dem Tätowierten auch nichts bringt. Wenn gut ist, ist gut.

Wenn man es aber wirklich will, muss man der Angst ins Auge blicken und es machen. Da bringt es genauso wenig, sich vorher mit etlichen kleinen Tattoos ‚abzuhärten‘ bis der Tag kommt, an dem man sich sagt:
„Jetzt weiß ich schon ganz genau, wie weh es tut, jetzt bin ich bereit!“ 
Eine Stunde Schmerz aushalten und sechs Stunden Schmerz aushalten ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Das Motiv ist viel größer, der Schmerz ist flächiger, es ist eine größere Wunde, die tagelang weh tut… Auch wenn die kleinen Tattoos an sehr schmerzhaften Stellen sind, heißt das nicht, dass man große Projekte an nicht so schmerzhaften Stellen mit Leichtigkeit aushält. Kleine Tattoos sind immer angenehmer als große. 

Abschließend können wir sagen, dass es letztendlich wie so oft am Kunden selbst liegt, welches Motiv und welche Körperstelle für ihn am besten für das erste Tattoo ist.  Man sollte jedoch wirklich nicht danach entscheiden, welche Stellen die weniger schmerzhaften sind und das Motiv dann dort platzieren, obwohl man es eigentlich gern woanders hätte. Wenn das Tattoo am liebsten auf die Rippen soll, soll es auf die Rippen. Dann wird sich da durchgebissen. Meine Meinung.

Einen kleinen Lichtblick gibt es allemal: Es ist noch keiner vom Tätowierschmerz gestorben… 😀 

9 Kommentare zu „Meine vielen ersten Male | Teil 2

  1. Guten Abend!
    Wieder mal ein wunderbarer Eintrag! 😁
    Zum Thema Schmerz und großflächige Projekte: Am Wochenende werde ich mir beide Oberschenkel in je 10 Stunden zuzaubern lassen, auf einer Tattoo-Expo in Polen. Danach werde ich erstmal wirklich wissen was Schmerzen bedeuten. Da war mein ganzer Unterarm innerhalb von 2 Tagen ein Witz dagegen. 😅
    Wünsch mit Glück und gutes Gelingen 🍀

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  2. Hallo (:
    Also ich muss sagen das ich deinen Blog erst vor kurzem entdeckt habe und ich liebe ihn 😍
    Ja zu dem Thema erstes Tattoo meins ist Auch sehr klein und ich hab es extra sehr weit unten am Handgelenk stechen lassen.
    Aber ich liebe es. Es ist zwar nur kleines Strichmännchen aber die Bedeutung da hinter ist riesig (:
    Ich wollte vor lauter Angst direkt wieder gehen, noch nichtmal weil ich Angst vor den Schmerzen hatte sondern vor der Nadel. Gott sei Dank tat es mir persönlich gar nicht weh, während meine Mutter die sich auch an dem Tag ihr erstes Tattoo stechen lassen hat (Auch ein Strichmännchen) beinahe gestorben wäre vor Schmerz 😀
    Ich finde es echt interessant wie das von Mensch zu Mensch variiert
    Ich freue mich schon sehr auf deinen nächsten Blogeintrag
    Liebe Grüße (:

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  3. Oh ja der Schmerz…..das is immer so eine Sache!
    Ich hab 9 Motive auf meinem Körper und jedes war anders vom Schmerz 🙂 auch an Stellen wo ich gedacht hab ich werd sterben war es erträglicher als an „normalen“ Stellen. Kann man wohl nie so sagen wie es wird. Kommt auch auf die Tagesverfassung an 🙂
    Nächstes Großprojekt steht übrigens auch bei mir schon an 🙂 Da bin ich schon schwer gespannt wie es wird. Geplant sind für den ersten Termin 3 Stunden…. 😉

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  4. Habe deinen Blog vor kurzem entdeckt und freue mich über jeden neuen Eintrag. Du schreibst super unterhaltsam und ich kann in den allermeisten Fällen immer nur zustimmend nicken während ich lese 😉

    Ich bin wohl eher ein Kunde vom Typ „Beißer“, bei mir heißt es Augen zu und durch – gezwungenermaßen. Da mein Tätowierer über eine Stunde Fahrzeit von meinem Wohnort entfernt ist, lohnt es sich bei mir fast nicht wegen einem 2-Stunden-Termin hinzufahren. Daher sind es meistens eher 5 oder 6 Stunden, die er mich quälen darf… 😀
    Aber ich muss sagen dass es wirklich auf die Tagesform ankommt, wenn man schlecht geschlafen oder nichts gefrühstückt hat, ist das Ganze viel schwerer durchzuhalten. Bei mir kommt noch dazu, dass ich chronisch krank bin und deswegen oft von Haus aus nicht so fit bin. Aber wie man so schön sagt – no pain, no gain! 🙂

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  5. Ich habe einen Tätowierer, der vergibt bei Großprojekten prinzipiell nur 2 Stunden Termine. Und die im Monatsabstand. Daher habe ich inzwischen Geduld gelernt.
    Viele Grüße vom Bodensee.

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