Von Leichtsinn und Vernunft

Draußen regnet es. Es ist Herbst. Ich mag Herbst nicht; ständig Regen und verrottende Laubblätter, die einem am Schuh kleben. Und kalt ist es auch, oft sogar nasskalt, noch schlimmer. Aber die bunten Bäume im Wald und die vielen Farben der Natur, die es nur im Herbst gibt…? 
Bitte, ich wohne in Kreuzberg. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich graue Hausfassaden und andere Leute, die aus deren Fenstern auf unsere grauen Hausfassaden schauen. Mein Weg zur Arbeit ist auch kein lustiger Spaziergang, Rotkäppchen-like durch den bunten Herbstwald, sondern eine lustige Rappelfahrt mit der U-Bahn, undzwar Berliner-like durch den märchenhaften, dunklen, stinkigen Tunnelwald aus farbenfroh grauen Beton. Ich denke, das genügt, um einen Eindruck zu bekommen.
Gut, dass ich drinnen bin, denke ich beim Blick aus der verglasten Eingangstür des Studios, während ich kurz den Regen beobachte, wie er vom grauen Himmel auf den grauen Asphalt fällt und Blasen schlägt. 
Ich stehe am Empfangstresen und schaue in mein aufgeschlagenes Terminbuch. Darin müssten noch ein paar freie Termine in der nächsten Zeit zu finden sein, die ich mir parallel auf einen Zettel schreibe, um sie später bei Facebook zu veröffentlichen. 
Ding-Dong! Für kurze Zeit hört man den Regen, der auf die Straße prasselt, als sich die Tür für wenige Sekunden öffnet. Wer geht denn bei so einem Wetter raus?
Noch im Schreiben sage ich „Hi!“, ohne aufzuschauen.
Eine männliche, aber nicht wirklich maskuline Stimme erwidert ein „Hi!“ zurück. Kein frohsinniges „Hi!“, eher ein lasches, langgezogenes, verkifftes „Hiiiiii…!“
Vielleicht hat der Junge beim Begrüßen noch ein Peace-Zeichen mit seinen Fingern gezeigt und ein ALLES-EASY-Pappschild in die Luft gehalten, so klang zumindest der Ton seiner Stimme, ich weiß es nicht, denn ich habe jetzt erst fertig geschrieben und schaue ihn auch nun erst richtig an, von oben nach unten und dann wieder hoch.
Schwarze, vielleicht fettige, vielleicht auch vom Regen nasse Haare, etwas strubbelig und den Pony so gestyled, dass er eines seiner blassblauen, verschlafenen Augen so halb verdeckt. Blonde Wimpern und Augenbrauen hat er, seine schwarze Strubbelhaarpracht ist also gefärbt. Rebellisch. Generell scheint der Knabe selten Sonne zu sehen, zumindest auf jeden Fall physisch. Im Kontrast mit seinen durch und durch schwarzen Klamotten sieht seine Haut auch umso blasser aus; ganz ehrlich, der Typ ist weiß wie Frischkäse. 
Frisch sieht auch sein Gesicht aus. Bubenhaft, feine Züge, nicht ein Barthaar, seine Haut wie der gepuderte Po eines Neugeborenen. Wie alt ist der?! Und was will er hier? Für einen Schülerpraktikumsplatz anfragen?
„Was kann ich denn für dich tun?“
„Ja, ich würde mir gern was stechen lassen.“
Seine Stimme war nicht nur lasch und verkifft sondern hatte zudem noch ein recht ausgeprägtes Schüchternheits-Zittern in sich. Wunderbar, perfekte Aussichten für einen Kunden, der bestimmt ganz genau weiß, was er will. Ich bin gespannt, was er sich denn stechen lassen möchte und frage ihn.
„Also ich hatte überlegt, hier was auf dem Hals vorne drauf, aber ich bin noch am Schwanken… entweder ’ne Spinne oder ein Schriftzug… aber ganz genau weiß ich’s noch nicht und deswegen wollte ich mal fragen ob ihr ein paar Ideen für Halstattoos für mich habt.“
Okay. Schluck. Ich muss überlegen. Nicht, welche Ideen ich für ihn habe, sondern wie ich jetzt am besten weiter mit ihm vorgehe. 
„Hast du denn schon Tattoos?“ 
„Nee noch nicht, aber ich bin vor zwei Wochen endlich 18 geworden und jetzt will ich auch loslegen!“ 
„Okay, siehst halt noch echt jung aus!“ sage ich mit einem erstauntem Grinsen.
„Jaja, aber ich bin schon 18“, folgt von ihm, ein bisschen auf cool und erwachsen machend, auch er grinst und schaut cool und erwachsen… schüchtern auf den Boden.
„Und warum auf den Hals?“
„Na ich will ja, dass es jeder sieht!“
OKAY. NOTBREMSE.
Kurze Zusammenfassung: Der Bub ist frisch 18 geworden sagt er, also geistlich etwa im letzten Drittel der Pubertät, optisch anscheinend gerade in irgendeiner ‚Phase‘, hat eine Ausstrahlung wie eine ungetoastete Weißbrotscheibe mit abgeschnittenem Rand und ohne Belag, höchstwahrscheinlich keinen Plan, wie er seine Zukunft mal gestalten will und will sein erstes Tattoo auf den Hals gestochen haben, so dass es jeder sieht. 
Hast du den Schuss nicht gehört, Jungchen? Das würde ich ihm gern an den Kopf werfen und ihn per gekonntem Arschtritt aus dem Studio zurück in den Regen befördern. Da er danach aber höchstwahrscheinlich ins nächste Tattoostudio stapfen wird, in der Hoffnung, dass ihn da keine verantwortungsbewusste Traumzerstörerin mit Muttisyndrom empfängt, und er dort dann mit einem Halstattoo rausgehen wird, welches ihm mit großer Wahrscheinlichkeit sämtliche Chancen in seinem jungen Leben zunichte machen wird, versuche ich, ihn selbst auf die Frage kommen zu lassen, ob das, was er vor hat, vielleicht doch nicht ganz so schlau ist.

Ich will ein bisschen mehr über ihn erfahren, um besser herausfinden zu können, was er für ein Typ ist und ob sich meine Vermutung mit dem „Kein Plan was er mal machen will“ bestätigt.
„Machst denn schon ’ne Ausbildung oder gehst noch zur Schule?“ Ich versuche möglichst cool und hip rüberzukommen, weil ich mich mit meinen 23 Jahren ihm gegenüber wie eine reife Dame fühle, die gerade die Menopause überstanden hat. Ich fühle sonst mich eigentlich nicht alt, er sieht bloß so unfassbar jung aus, als redete ich mit meinem kleinen Cousin. 
„Geh noch zur Schule, ich will eigentlich Abi machen, aber ich weiß nicht ob ich das hinkrieg, vielleicht brech ich auch ab, mal sehen…“
„Und was hast du danach dann vor?“
„Weiß ich noch nicht.“ 
Ha! Verdacht bestätigt. Gewonnen! Er redet weiter.
„Ich bin halt in ’ner Band und spiel Bass, ich denk mal nach der Schule werden wir uns erstmal darauf konzentrieren, wir wollen dann auch mal auf Festivals spielen und so…“
Wow, ein Rockstar im Frischkäsemantel. Das wird bestimmt was!
„Aha, und so ausbildungstechnisch? Schon was geplant was du mal werden willst?“
„Nee noch nicht so eigentlich, wird sich schon was ergeben.“
Klar, wird sich schon was ergeben, wenn man seine Schule abbricht und mit ’nem fetten Halstattoo zum Vorstellungsgespräch erscheint. Aushilfsjobs im Lager und beim Arbeitsamt antanzen ergibt sich da nämlich, du Flachpfeife. In mir macht sich Fassungslosigkeit breit. Ich würde ihn mal gern einfach an den Schultern packen und leicht durchschütteln, so wie es meine Oma früher immer mit mir gemacht hat, wenn ich etwas unglaublich Dummes angestellt habe. Danach habe ich zwar meistens geheult, aber ich habe gelernt, dass ich es nicht noch einmal machen werde.

Warum will man sich sein Leben verbauen, bevor es richtig angefangen hat? Ich weiß es nicht und ich kann es mir nicht erklären. Und das sage ich, obwohl ich selbst noch ‚ein junges Ding‘ bin; wie es aussieht ist mein Verstand aber bereits im frühen Rentenalter angekommen, was ich persönlich aber nicht schlimm finde. Nicht umsonst lautet mein Lebensmotto „No risk IS fun!“. Ich alter Langweiler. 
Trotz alledem verspüre ich den Drang, ihn irgendwie wieder auf die richtige Fährte zu führen. 
„Und du willst dir was am Hals stechen lassen, wo es gleich jeder sieht und du weißt aber noch nicht was du mal machen willst?“
Er zuckt mit den Schultern und nickt mit dem Kopf, ohne etwas zu sagen.
„Und… nicht erstmal mit einer Stelle anfangen, die man verdecken kann?“
„Na das kann ich immernoch, ich will erstmal, dass alle sehen, dass ich Tattoos hab.“
Oh. Clever. Ein einziges Tattoo am Hals haben, um die Illusion vorzutäuschen, man hätte bereits ganz, ganz viele und ist ein richtig harter Kerl, sodass man nun am Hals weitermachen muss, weil der restliche Körper bereits voll ist. Willkommen in der Generation „It’s all Fake!“
Er scheint jedenfalls an seinem Plan festzuhalten und nicht zu peilen, worauf ich hinaus will. Durchschütteln möchte ich ihn tatsächlich doch eher ungern, deshalb bringe diesen blassen, möchtegern-harten Rüpelknaben jetzt mal verbal auf den Boden der Tatsachen zurück. 
„Gut, dann mache ich dir einen Vorschlag: Du wirst 28, machst eine ordentliche Ausbildung oder studierst irgendwas, bekommst einen Job, verdienst Geld und stehst erstmal mit beiden Beinen im Leben. Und wenn das alles soweit ist und wenn du das alles geschafft hast und dann immernoch das Tattoo auf dem Hals willst, dann steche ich dir gern deinen Hals zu.“
Er überlegt kurz, und antwortet, als hätte ich es geahnt:
„Aber ich hab mir das ja schon überlegt mit dem Tattoo.“
Junge, du bist frisch 18 und hast keine Ahnung wie dein Leben mal ablaufen soll. Glaube mir: Du hast dir gar nichts überlegt. 
„Naja… kann sein, aber trotzdem werde ich dir als erstes Tattoo mit 18 nichts auf den Hals stechen, weil ich nicht diejenige sein werde, die dir dein Leben versaut.“
„Das versaut mir ja nicht das Leben…“
Hartnäckig ist er, dass muss man ihm lassen. 
„Weißt du, es kann sein, dass du mit deiner Band total erfolgreich wirst. Dann ist es ja egal, wo du dir was stechen lässt. Das weißt du aber jetzt noch nicht. Es kann auch sein, dass du in 3 Jahren sagst, dass du Banker werden willst, oder Polizist, oder Arzt. Wer weiß? Du hast gerade gesagt dass du noch nicht weißt, was du später mal machen willst. Und wenn du das selber noch gar nicht weißt, dann halte dir doch erstmal alle Chancen offen. Du kannst dich ja tätowieren lassen, aber erstmal an einer Stelle, an der es dein Chef nicht sehen wird. Dass du immernoch Banker oder Polizist oder Arzt werden kannst, wenn du es willst. Das Tattoo hast du dann dein Leben lang und wenn du einen Job suchst wird dein Chef dir sagen: Mit so einem Tattoo auf dem Hals können sie hier nicht anfangen. So ist das leider nunmal immernoch. Und dann bereust du es, dass du es hast machen lassen. Verstehst du, was ich meine?“
Jetzt habe ich es ihm gegeben. Er wird auf die Knie fallen und mir mit weinerlicher Stimme erzählen, dass ich ja total Recht habe und was er sich nur dabei gedacht hat.
„Naja ich versteh das schon, aber es ist ja meine Sache.“
Okay. Die Idee mit dem Durchschütteln schießt mir plötzlich doch wieder durch den Kopf. Langsam wird aus der Fassungslosigkeit auch schlicht Wut. Wut darüber, wie man so stur sein kann und absolut nicht einsehen kann, dass man mit seinen 18 Frischkäsejahren eben noch nicht die krasse Lebenserfahrung hat, die man vielleicht gern hätte.
„Ja klar ist es deine Sache, aber dann kommen wir beide eben erstmal auf jeden Fall nicht zusammen. Du kannst es dir ja mal durch den Kopf gehen lassen und nochmal drüber schlafen. Wir wollen nur nicht, dass unsere Kunden ihre Tattoos irgendwann bereuen, weil sie es sich nicht genug überlegt haben.“
„Ja, ok, na ich schau mal, danke trotzdem erstmal…“
Mit diesen Worten verabschiedet er sich und öffnet die Tür nach draußen. Erneut füllt sich der Raum kurz mit dem Rauschen des Regens, der immernoch auf die Straße prasselt, hinter ihm schließt sich die Tür wieder, und er sowie das Geräusch des Regens ist weg. Stille im Studio. Menschen gibt’s… unfassbar.

Vielleicht hat er wirklich noch einmal drüber geschlafen und im besten Fall sogar eingesehen, warum er eine Tattoo-Abfuhr von mir bekam. Oder er ist ins nächstbeste Studio gelaufen und trägt nun voller Stolz ein Tattoo auf seinem blassen Hals, welches sofort für alle sichtbar ist und welches ihn definitiv noch an dem einen oder anderen Plan fürs Leben hindern wird. 
Er kann auch Glück haben und ein erfolgreicher Musiker werden und mit seiner Band und seinem Bass auf diversen Festivals spielen und vielleicht ein bisschen Sonne und massig Groupie-Tangas ins Gesicht bekommen, wer weiß das schon? 
Ich habe ihn jedenfalls bis heute noch nicht wieder gesehen. Vielleicht treffe ich ihn ja irgendwann mal wieder, wo auch immer.  Vielleicht während einer der vielen lustigen Rappelfahrten mit der U-Bahn durch den dunklen Tunnelwald Berlins, nächstes Jahr, oder in zwei Jahren, im Herbst, wenn es regnet und mir wieder die Laubblätter am Schuh kleben. Hoffentlich trägt er in diesem Moment dann keinen Rollkragenpullover.

Den bassspielenden Frischkäseknaben hat es so in dieser Beschreibung nie gegeben, genausowenig diesen expliziten Dialog zwischen ihm und mir. Diesen und ähnliche Sachverhalte gibt es allerdings tatsächlich, und das auch bei uns im Studio nicht allzu selten; gänzlich ist die Geschichte also nicht an den Haaren herbeigezogen. Ich möchte hiermit meinen Standpunkt zu diesem Thema verdeutlichen und hoffe, dass es in Zukunft immer weniger Tätowierer geben wird, denen es „nur ums Geld“ geht, sondern die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich wirklich im Klaren sind, dass sie mit einem Tattoo Leben verändern können, sowohl im Positiven als eben auch leider im Negativen. Genauso möchte ich junge Menschen erreichen, die ähnliche Vorhaben planen. Überlegt es euch. Manchmal ist es wirklich besser, noch ein paar Jahre zu warten. 

4 Kommentare zu „Von Leichtsinn und Vernunft

  1. Ich wünschte, ich wäre mit 18 an jemanden wie dich geraten – dann hätte ich vielleicht ein Tattoo, das ich auch mag oder halt gar keins und könnte jetzt mit etwas anfangen, was ich mir gut überlegt habe und das geschmackvoller ist. Aber leider war auch ich so eine fest überzeugte Frischkäse-Göre (innerlich, äußerlich ging das bei mir eher so in Richtung Pfläumchen im Speckmantel), und mir hat leider keiner abgeraten, außer die Mama, aber wer hört mit 18 schon auf seine Mama?! Na ja, wenigstens ist’s nur im Nacken und nicht auf dem Hals 😀
    Liebe Grüße,
    Myriam

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