Über Tattooer’s Diary

Stephi, 23 Jahre, aus Berlin.

Tätowieren wollte ich seitdem ich 14 Jahre alt bin. Damals von LA Ink, Kat von D und co. angestachelt, begann ich selbst Tattoomotive zu zeichnen und entdeckte meine Passion für Kunst und für das Tätowieren. Da kommen wildfremde Leute zu dir und wollen eine Zeichnung von dir auf ihrer Haut verewigt haben, die sie dann für immer mit sich herumtragen. Dieser Gedanke hat mich gefesselt und tut es auch immernoch. Irgendwann mal im Leben wollte ich Tätowiererin werden. Irgendwann. Das war der Plan.

Ich hätte bereits mit 18 Jahren den Entschluss fassen können, mich mit meiner Kunst selbstständig zu machen. Aber ohne eine abgeschlossene Ausbildung gleich nach dem Abi so einen großen Schritt wagen? Was ist, wenn ich doch gar nicht so gut bin? Was ist, wenn keiner meine Bilder kauft? Viel zu risikoreich für ein Mädel, dessen Motto „No risk IS fun“ ist. Also entschied ich mich, das Thema „ich will mit meiner Kunst Geld verdienen“ vorerst nach hinten zu verschieben und eine Ausbildung als pharmazeutisch-technische Assistentin zu absolvieren. Das war noch so ziemlich das Einzige, wofür ich mich interessierte: Krankheiten, und was man dagegen machen kann. Studieren wollte ich noch nie, vor allem nicht Kunst, wie mir alle schmackhaft machen wollten. Klar, jemand, der im Unterricht ständig zeichnet MUSS Kunst studieren. Bullshit.

Es stellte sich relativ früh heraus, dass ein Großteil der Apotheken-Ausbildung aus stupidem Auswendiglernen aller vorhandenen Medikamente, Wirkstoffe, Symptome, Nebenwirkungen und sämtlichen anderen semiwichtigen Gedöns bestand; für mich der größte Mist, aber ich habe es durchgezogen, als Jahrgangsschlechteste. Nach diesen zweieinhalb Jahren Ausbildung und Apothekenpraktikum war die Sache mit der Kunst plötzlich doch wieder recht präsent in meinem Kopf. Meine Abschlussprüfung stand kurz bevor. Wie es der Zufall wollte, verwies mich eines Abends ein Freund auf einen Facebook-Beitrag:

„Stechwerk Berlin sucht einen neuen Tätowierer fürs Team! Bewirb dich!“

Au weia. Die Chance ist zum Greifen nah. Soll ich es wagen? Ich kann doch noch gar nicht tätowieren! Die wollen bestimmt niemanden ausbilden! Ich bin sicher total schlecht! Ich habe doch gerade erst den Arbeitsvertrag für die Apotheke in der Tasche… aber will ich das überhaupt machen? Was habe ich zu verlieren? Schlimmeres als eine Absage wird nicht kommen. Na gut, also los!

Diese kleine, spontane Entscheidung hat mich dahin geführt, wo ich jetzt bin. Es ging damals alles sehr schnell. Job gekündigt, selbstständig gemacht, geübt, langsam einen Kundenstamm aufgebaut, mich von Mal zu Mal verbessert. Ich habe am Anfang oft dagesessen und gedacht: Das wird nie was, ich schaff das nicht, ich kann schon wieder meine Miete nicht bezahlen. Klar, die erste Zeit ist immer steinig. Aber ich habe gelernt, alles zu geben und an mich zu glauben. Ich liebe diesen Job und möchte ihn nicht mehr eintauschen. Ich liebe meine Kollegen, meine Kunden und genieße es, jeden Tag das zu machen, was ich am besten kann. Ich frage mich oft, was ich jetzt in diesem Moment machen würde, hätte ich diese Chance ignoriert. Auch wenn man immer nur bei grün über die Ampel geht und sich überall doppelt und dreifach vergewissert, absichert und niemals ein Risiko eingeht: Es ist gar nicht so schlimm, manchmal einfach etwas zu wagen.

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